Wetter Challenge
Herausforderung Klimawandel

Manchmal wird der Eindruck erweckt, dass der Klimawandel noch sehr fern ist und uns gerade in Deutschland kaum betrifft. Skeptiker reduzieren die Folgen der Klimaveränderungen zuweilen gar auf nicht mehr als ein bisschen mediterranes Flair für Deutschland.

Hitzewellen und Stürme haben in den vergangenen zehn Jahren bundesweit spürbar zugenommen. Allein innerhalb der letzten 15 Jahre hatten wir vier Jahre mit Phasen extremer Hitze, 2003, 2006, 2013 und jetzt 2015. Und wer erinnert sich nicht an die Jahrhundertflut an Donau, Moldau und Elbe im Jahre 2002 mit 37 Todesopfern und ca. 15 Milliarden Euro an ökonomischen Verlusten. Und bereits im Juni 2013 kämpften Süd- und Ostdeutschland schon wieder mit der nächsten Jahrhundertflut.

Hauptursache hierfür sind lt. Deutschem Wetterdienst Jahrhundertniederschläge. In Sachsen fielen stellenweise über 200, in Bayern über 400 l/m2 in 90 Stunden (normal sind in Deutschland ca. 700 l/m2 in einem Jahr). In beiden Fällen handelte es sich um Sommer-Hochwasser, die in den letzten Jahren häufiger aufgetreten sind, so z.B. im Juli 1997 an der Oder, im Mai 1999 an der Donau, im August 2005 wiederum an der Donau und im Mai 2010 an Oder und Weichsel. Ich glaube es hat jeder noch die Bilder überschwemmter Sportplätze vor Augen und viele können ein Lied davon singen, welche finanziellen Folgen dass gerade für kleinere Vereine hatte.

Und wenn man den Experten glauben darf, dann sind diese Wetterkapriolen nur ein kleiner Vorgeschmack. In den nächsten Jahrzehnten dürften die Wetterextreme in Deutschland noch deutlich schneller aufeinanderfolgen. Und wer als Greenkeeper oder Platzwart täglich mit der Pflege von Sportrasenflächen zu tun hat, den muss heutzutage niemand mehr davon überzeugen, dass der Klimawandel in Deutschland schon längst Einzug gehalten hat.

Mal ganz abgesehen von den gesamtwirtschaftlichen Kosten und den Folgen der globalen Erwärmung für unseren Planeten stehen Greenkeeper oder Platzwarte vor einem Dilemma. Einerseits kann unter dem Einfluss extremer Witterungsbedingungen die Qualität der Spielstätten nicht garantiert werden. Andererseits verlangt moderner Fußball mit einer stark erhöhten Passspielfrequenz trotzdem steigende Spielfeldqualität gerade in Bezug auf Narbendichte, Ebenheit und Belastbarkeit, und das bei jedem Wetter und zu nahezu jeder Jahreszeit.

Und natürlich muss es nicht immer gleich eine Jahrhundertflut sein. Es reichen auch schon zwei- bis dreitägige Starkregenereignisse wie sie jüngst im August dieses Jahres in Hamburg auftraten. Hier wäre das erste von zwei Testspielen, die der HSV im Zuge des Wechsels des schwedischen Neuzugangs Albin Ekdal angesetzt hatte, beinahe ins Wasser gefallen.

Die Partie gegen den Ex-Club des Schweden, den italienischen Zweitligisten Cagliari Calcio sollte am 18.08.15 im „Hoheluft“ Stadion, der Heimspielstätte des Oberligisten SC Victoria Hamburg im Stadtteil HH-Eppendorf stattfinden. Allerdings hatte es in den zwei Tagen zuvor im gesamten Hamburger Raum so stark geregnet, dass das Spiel dort aufgrund zu schlechter Platzverhältnisse nicht stattfinden konnte. Im Übrigen wurden an diesem Tag alle geplanten Fußballspiele im Raum Hamburg abgesagt. Da sich die Italiener allerdings schon auf dem Weg nach Hamburg befanden, konnte man diese Partie nicht einfach ausfallen lassen.

Das Spiel wurde dann zum Leid der Fans unter Ausschluss der Öffentlichkeit aber am geplanten Termin auf einem Trainingsplatz des HSV ausgetragen. „Das war trotz der Tatsache, dass wir auch hier innerhalb von 48 Stunden weit über 100 mm Niederschlag hatten, problemlos möglich“, so Christoph Strachwitz, leitender Greenkeeper des HSV. Selbst der Trainer Bruno Labbadia zeigte sich erstaunt darüber, wie optimal der Platz trotz widrigster Witterung bespielbar war. Möglich war dieses Spiel nur, weil es sich bei diesem Trainingsplatz des HSV nicht um einen herkömmlichen Rasenplatz, sondern um einen Hybrid-Rasenplatz, und hier im Speziellen um einen Fibersand Platz handelt.

Was ist Fibersand?

Man kann die Fibersand Hybrid-Technik als einen Naturrasenplatz mit erweiterter Funktionalität und Stabilität beschreiben. Die Rasentragschicht (RTS) herkömmlicher Rasenplätze besteht unter normalen Bedingungen aus 80% Sand und 20% organischer Substanz. Beim Fibersand Hybridsystem sind in der  RTS zusätzlich feinste Fasern aus Polypropylen enthalten. Diese zusätzlich eingemischten Fasern, deren Gehalt weniger als drei Volumen-Prozent der gesamtem RTS ausmachen, verbessern nachhaltig die Performance der RTS. So ist ein mit Fibersand Rasentragschicht ausgestatteter Platz erheblich scherfester als herkömmliche Naturrasenplätze, was maßgeblich durch die Polypropylenfasern hervorgerufen wird. Die Fasern wirken im Boden wie zusätzlich querlaufende Pflanzenwurzeln (unterirdische Ausläufer) und verzahnen die natürlichen Wurzeln zusätzlich zu einem deutlich stabileren Wurzelgeflecht.

Durch eine so gesteigerte Scherfestigkeit entstehen im Spielbetrieb auch bei ungünstigen Witterungsbedingungen wie z.B. Starkregenereignissen deutlich weniger Divots, also Verletzungen der Grasnarbe. Zudem bleibt auch die notwendige Ebenheit der Spielfeldoberfläche erhalten. Bei herkömmlichen Rasenplätzen geht die Ebenheit durch Belastung mit steigender Bodenfeuchte verloren, die Plätze werden tief und seifig.Das Fibersand Hybrid-System wird also nur innerhalb der Rasentragschicht stabilisiert. Gespielt wird weiterhin auf 100% Naturgräsern. Die Spieler erfahren weiterhin mit ihren Schuhen den gewohnt guten Grip durch direkten Bodenkontakt. Die biologischen Eigenschaften der Rasentragschicht werden durch die zusätzlich eingemischten Fasern nicht verändert. Es werden lediglich die granulierten Materialien durch die Fasern besser miteinander verfestigt.

Die nachfolgenden Tabellen zeigen Vor- und Nachteile der Fibersand-Hybridtechnik im Vergleich mit herkömmlichen Naturrasenplätzen und Kunstrasen.

Merkmal

Vorteile gegenüber normalem Spielfeld

Nachteile gegenüber normalem Spielfeld

Belastbarkeit

30% höhere und stärkere Belastbarkeit auch in kalten und nassen Monaten (bis zu 30h/Woche) trotz 100% Naturrasen

Keine

Scherfestigkeit

Erhöhte Scherfestigkeit und mehr Wurzelmasse durch Fiberfasern in der Rasentragschicht (Armierung)

Keine

Oberfläche

Weniger Spielverletzungen und grössere Ebenmässigkeit (anstelle von grossen Divots nur feine Spuren der Stollen)   kleineres Verletzungsrisiko der Spieler sowie besseres Spielverhalten

Keine

Primärinvestition

Keine

Fiberfasern (Material), sowie Spezialmaschine für Mischung und Einbau führt zu einem ca. 30% höheren Preis der Rasentragschicht

Ökologische Aspekte

Laufende Investitionen

Laufende Pflegeaufwendungen in etwa gleich (Aerifizieren, mähen, Düngung usw.)

Ökologischer Aspekt / Akzeptanz bei Fußballern

Beide mit 100% Naturrasen Bindung von Feinstaub und Produktion von Sauerstoff sowie Regulierung des Mikroklimas. Fiber-Fasern aus 100% Auswaschsicherem Polypropylen (auch in Wasserschutzgebieten zugelassen).
Erhöhte Akzeptanz der Fiber-Sand Oberfläche durch bessere Platzqualität bei gleicher Belastung

Vor- und Nachteile Fibersand im Vergleich mit herkömmlichen Naturrasenplätzen.

Damit ist die Fibersand Hybrid-Technik eine nachhaltige Verbesserung des Naturrasens die auch unter extremen Witterungsbedingungen eine deutlich höhere Belastbarkeit sowie den Erhalt der Spielfeldqualität gewährleistet. Berücksichtigt man hierzu die Tatsache, dass die Erwartungshaltung an die Spielfeldqualität immer höher wird, so scheint das Fibersand-System als eine Hybridtechnik eine gute Alternative zu herkömmlichen Rasenplätzen zu sein.

Im Vergleich zu anderen Hybrid-Systemen, bei denen eingenähte oder implantierte Fasern bis in die Grasnarbe hineinragen, und quasi nicht mehr auf 100% Naturgräsern gespielt wird (z.B. Grasmaster von Desso) bieten Systeme, bei denen nur die Rasentragschicht armiert ist, weitere Vorteile. Denn es gibt quasi keine Beschränkung im Hinblick auf Regenerations- und Reparaturmöglichkeiten. D.h. es können problemlos alle Maschinen verwendet werden, die auch zur Pflege von herkömmlichen Rasenplätzen verwendet werden, ohne das Hybrid-System zu verschleißen.

So kann der verantwortliche Platzwart vor Ort jederzeit ohne den Einsatz von Spezialmaschinen notwendige Regenrationsmaßnahmen wie Bodenlockerung, Aerifizieren, Vertikutieren oder Besanden durchführen. Auch ein kurzfristiger Austausch von Teilen der Grasnarbe ist ohne Probleme möglich.

Betrachtet man vergleichend dazu Systeme wie „Grasmaster“, dann muss hier die Pflege und Regeneration mit Spezialmaschinen, meist ausgeführt von Spezialfirmen durchgeführt werden. Außerdem leidet das Material bei notwendigen Regenerationsarbeiten und unterliegt hierbei einem Verschleiß. Auch die Möglichkeit eines kurzfristigen Austausches von Teilen der Grasnarbe ist ohne Zerstörung des Systems nicht möglich, und damit nicht praktikabel.

Insgesamt kann man sagen, dass es mit den armierten Systemen heutzutage durchaus die Möglichkeit gibt, auf die extremen Witterungsbedingungen zu reagieren um die geforderten Platzqualitäten zu gewährleisten. Grundsätzlich hat jede herkömmliche oder auch Hybrid-Spieloberfläche ihre Berechtigung. Wichtig ist bei der Auswahl allerdings, die Anforderungen an den Platz genau zu definieren (Nutzungsintensität, Pflegemöglichkeiten usw.), um die richtige Auswahl für den notwendigen Bedarf treffen zu können.

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