Pflanzenstärkung – die Alternative zum chemischen Pflanzenschutz?

Pflanzenstärkungsmittel sind mit Veränderungen und Verschärfungen des Pflanzenschutzgesetzes mittlerweile in der Rasenbranche ein intensiv diskutiertes Thema. Aber was können sie wirklich leisten? Wo liegen die Grenzen? Oder ist das ganze Thema vielleicht nur „Hokuspokus“?

Gemäß deutschem Pflanzenschutzgesetz § 2 Nr. 10 gelten als Pflanzenstärkungsmittel Stoffe und Gemische einschließlich Mikroorganismen, die ausschließlich dazu bestimmt sind, allgemein der Gesundhaltung der Pflanze zu dienen, soweit sie nicht Pflanzenschutzmittel nach Artikel 2 Absatz 1 der Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 (Pflanzenschutzmittelverordnung) sind. Auch Stoffe und Gemische, die dazu bestimmt sind, Pflanzen vor nichtparasitären Beeinträchtigungen wie Frost oder erhöhter Verdunstung zu schützen, zählen nunmehr zu den Pflanzenstärkungsmitteln.

Unstrittig ist also was man mit dem Einsatz von Pflanzenstärkungsmitteln erreichen will. Durch die prophylaktische Anwendung sollen die Abwehrkräfte der Gräser gegenüber biotischen und abiotischen Schadeinflüssen erhöht werden. Die Einteilung von Pflanzenstärkungsmitteln erfolgt nach keinem vorgegebenen Schema, wie man es z.B. von chemischen Pflanzenschutzmitteln kennt. Man kann sie jedoch entsprechend ihrer Zusammensetzung, Wirkungsweise und stofflicher Herkunft unterscheiden in organische, anorganische, synthetische und Mittel mit homöopatischer Wirkung.

Mittel auf anorganischer Basis: Diese Präparate bestehen zu einem großen Teil aus Siliziumoxyd bzw. aus Silikaten (Gesteinsmehlen), sowie aus Kieselerde, Ton, Tonerde, Kreidezubereitungen und einigen anderen anorganischen Verbindungen.

Mittel auf organischer Basis: In dieser Gruppe ist der Marktanteil zahlenmäßig am größten. Zu ihnen gehören die traditionellen Präparate aus Pflanzen, Algen (besonders Meeresalgen-, Moosen und Flechten), Kompostextrakten, Huminsäuren und anderen Huminverbindungen, sowie pflanzlichen und tierischen Ölen. Außerdem zählen zu dieser Gruppe Präparate auf mikrobieller Basis. Sie enthalten in der Regel lebende Organismen oder deren Überdauerungsformen (zumeist Sporen).

Mittel auf synthetischer Basis: Mittel auf dieser Basis sind keine Naturprodukte. Es sind nur sehr wenige Präparate im Handel erhältlich.

Mittel mit homöopathischer Wirkung: Ihre Zahl hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Auf der Basis organischer bzw. anorganischer Bestandteile werden Präparate mit kaum nachweisbarer Stoffkonzentration hergestellt. Entscheidend und bindend für alle Produkte ist die Definition für Pflanzenstärkungsmittel, denn die erlaubt keine direkten Wirkungen auf Schaderreger.

Somit werden Wirkungen immer als Folge von Beeinflussungen des Pflanzenwachstums, der Pflanzenentwicklung und der pflanzeneigenen Widerstandskraft definiert, was so den allgemeinen Begriff Pflanzenstärkung rechtfertigt. Damit übernehmen die Hersteller aber auch keine Haftung bei nicht erfolgter Schaderregerbekämpfung. Im Gegensatz zu einem chemischen Wirkstoff, der richtig eingesetzt und bei nicht vorliegenden Resistenzen nahezu eine hundertprozentige Wirkung zeigt, gibt es beim Einsatz von Pflanzenstärkungsmitteln keine Garantie für eine hundertprozentige Bekämpfung nach der Anwendung.

Klar ist aber auch, dass es sich bei Pflanzenstärkung nicht um „Hokuspokus“ handelt. Denn bei ausreichender Kenntnis der Wirkprinzipien der Mittel kann ihre Anwendung sehr zielgerichtet und effektiv erfolgen. Die Pflanzenstärkung ist in der Mehrzahl als Wirkung über die Pflanze zu verstehen, so dass deren konditionelle Verfassung zum Zeitpunkt der Behandlung wesentlich die Effektivität des Mitteleinsatzes bestimmt.

Wirkung von Pflanzenstärkungsmitteln:

Nährstoffwirkungen einiger Pflanzenstärkungsmittel beruhen auf deren Anteil und der Kombination verschiedener Makro- und Mikronährstoffe. Neben der allgemeinen Stärkung der Pflanzen, mit der auch eine Verminderung der Anfälligkeit verbunden ist, können auch gezielte Wirkungen gegen bestimmte Schaderreger eintreten. So erhöht z.B. Kalium die Kältetoleranz, verstärkt die Kutikula und die Zellwände, was z.B. Infektionen durch pilzliche Schaderreger vermindert. Meist ist Mikronährstoffmangel ein Grund für verringerte Pflanzenvitalität.

Hier können zur Verbesserung der Situation Algenpräparate verwendet werden, die über einen hohen Anteil wertvoller Spurenelemente verfügen.

Induzierte Resistenz ist die erhöhte Widerstandsfähigkeit der Pflanze, die nicht genetisch bestimmt, sondern erworben ist. Diesem Erwerb muss ein Ereignis vorausgehen, wie etwa eine Pilzinfektion, eine Beschädigung oder ein starker Umweltstress. Der resistenzauslösende Verursacher wird von der Pflanze als potentielle Gefahr erkannt und mit einem komplizierten System im Stoffwechsel bekämpft. In der Folge kommt es z.B. zu Zellwandverstärkungen, Bildung von speziellen Enzymen oder antimikrobiell wirkenden Stoffen (Phytoalexine).

Induzierte Toleranz ist dadurch gekennzeichnet, dass eine infizierte oder beschädigte Pflanze mit nur einer geringen Einschränkung der Pflanzengesundheit reagiert. Diese Fähigkeit beruht nicht auf einer direkten Reaktion auf den Stressor, sondern sie ist durch das Vermögen der Pflanze bestimmt, ihre Stoffwechselprodukte z.B. zur Bildung von Reservestoffen zu nutzen. Wirkungen dieser Art werden vor allem bei Pflanzenstärkungsmitteln auf pflanzlicher Basis beobachtet.

Präparate auf mikrobieller Basis haben eine gute Wirkung gegenüber einer Reihe pilzlicher oder bakterieller Krankheitserreger. Dafür sind verschiedene Mechanismen verantwortlich, die einzeln oder in Kombination zum Tragen kommen. So führt die Überschwemmung des Wurzelraumes mit nicht pflanzenpathogenen Mikroorganismen u.a. zur:

  • Konkurenz an Raum und Nahrung (natürliche Verdrängung)
  • Besetzung der Andockstellen und Rezeptoren an der Wurzeloberfläche
  • Verbesserung der Nährstoffaufnahme durch spezielle Stoffwechselprodukte der nützlichen Mikroorganismen
  • Auslösung von Resistenzinduktion
  • Bildung antibiotisch wirksamer Substanzen zur Bekämpfung schädlicher Pathogene

Signalstoffe und Pflanzenhormone steuern eine Vielzahl von Lebensvorgängen in der Pflanze. Die Konzentrationen und das örtliche Vorkommen in der Pflanze werden von vielen Einflussfaktoren bestimmt. Bei häufig wechselnden Wachstumsbedingungen, z.B. durch das Auftreten von biotischen oder abiotischen Stressoren, verbraucht die Pflanze zur Produktion relativ viel Energie. Dies kann u.a. zu einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit der Gräser führen. Die Anwendung von Pflanzenstärkungsmitteln, die derartige Signalstoffe oder Phytohormone enthalten oder deren Bildung unterstützen, ist deshalb meist sehr erfolgreich.

Generell gilt für fast alle Pflanzenstärkungsmittel, dass der vorbeugende (prophylaktische) Einsatz der Mittel bei der Schaderregerabwehr zu bevorzugen ist. Eigene Erfahrungen bei der Anwendung von Pflanzenstärkungsmitteln sind z.B. im Hinblick auf den richtigen Einsatzzeitpunkt durchaus von Vorteil.

Pflanzenstärkungsmittel bieten viele Möglichkeiten zur ökologisch sinnvollen Erhöhung der Abwehrkräfte der Rasengräser. Die Vielfalt der Mittel und deren Zusammensetzung und der damit auch verbundenen Vielfalt der Wirkungen erfordert jedoch ein umfangreiches Wissen.  Generell ist die Verwendung von Pflanzenstärkungsmitteln umweltfreundlich und nachhaltig – eine Tatsache, der sich Greenkeeper und Platzwarte verpflichtet fühlen sollten. Darüber hinaus wird das Wissen um ihre Wirkung und den richtigen Einsatz immer wichtiger, da die Gesetzgebung hinsichtlich der Zulassung von chemischen Pflanzenschutzmitteln immer restriktiver wird.

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